Mehr Schatten als Licht: Vocassion

„Meister, Meister, gib mir Rosen, Rosen auf mein weißes Kleid. Stech’ die Blumen in den bloßen, unberührten Mädchenlaib“: Solche Töne stimmt Ingo Sika bei seinem Programm Vocassion an. „Schrecklich-schön“ nennen er und sein musikalischer Begleiter Klaus Küting die Lieder, die sie mit Schlagzeug, Marimbaphon, Trommeln und Gesang inszenieren. Das sind sie wirklich: Unter anderem erzählt Sika im Mittelalter-Kostüm die Geschichte von Georg Dozsa, der während dem Bauernkrieg auf einem glühenden Thron lebendig verbrannt wurde.    

Ingo Sika...

... ist keineswegs so bösartig, wie die Lieder, die er singt. Sika sagt über sich selbst: „Viele Leute sagen ja: Wenn du jemand Bösen spielst, dann musst du das ja selber sein. Die Leute die mich kennen, wissen aber, dass ich eigentlich das Gegenteil davon bin: Also gar keine bösartige Person. Das Schöne ist, dass ich meine dunkle Seite auf der Bühne wunderbar ausleben kann, das schafft einen gewissen Ausgleich.“

Wichtig ist ihm, dass die Lieder Tiefgang haben: „Ich interpretiere die Songs natürlich lieber, wenn sie Gehalt haben, wenn es etwas zu erzählen gibt.“

Sehr gut funktioniert das für ihn mit Liedern von Rockbands wie Subway to Sally oder Letzte Instanz, die unter anderen zum Programm von Vocassion gehören. „Da kommt der Schauspieler in mir durch“, verrät er. Die meisten kennen Sika nämlich nicht als Sänger, sondern aus dem Theater. Schon seit er neun Jahre alt ist, steht er als Schauspieler auf den Sindelfinger Bühnen – zuletzt bei der Biennale 2015 als Sindhold im „Sindelfinger Jedermann“.

Angefangen hat er im Kinderchor, ist am Goldberg-Gymnasium in die Theater-AG gegangen und hat als Jugendlicher bei der Willy Reichert Bühne gespielt. „Irgendwie haben in mir alle immer die Rampensau gesehen“, lacht er. Je älter er wurde, desto größer wurden seine Schritte in Richtung Profi: „Ich wollte das schon beruflich machen. Nur muss ich ganz ehrlich sagen, dass mir mein eigenes Sicherheitsbedürfnis in die Quere kam.“

So ist der nebenberufliche Schauspieler und Sänger mittlerweile auch Zahnarzt mit eigener Praxis in Weil der Stadt. Über die Entscheidung ist er sehr glücklich. Auf die Bühne zieht es ihn aber trotzdem noch regelmäßig: „Ich habe nur während dem Studium eine Pause gemacht und bin direkt danach wieder ins Theater eingestiegen, mitten im Staatsexamen.“

Und das nicht nur als Schauspieler: Sika war schon Bühnenbildner, Techniker, Organisator, Produktionsleiter und Regisseur. Auch bei der Biennale 2017 übernimmt er viele verschiedene Rollen und ist bei fast jedem Projekt dabei. Beim Musical unterstützt er Siegfried Barth beratend, beim Altstadt-Theater spielt er selbst mit, bei den Poetischen Orten übernimmt er die Veranstaltung am Armesünderfriedhof und sogar beim Verein Biennale Co. ist er im Vorstand aktiv.

Klaus Küting hat Ingo Sika schon kennengelernt, bevor er das erste Mal auf der Bühne stand. Schon mit sieben Jahren sind die beiden sich im Kinderchor Goldbergspatzen begegnet und später unter Ulrich von der Mülbe gemeinsam auf der Bühne gestanden. 2000 haben sie das erste Mal miteinander Lieder aus der Bauernoper gespielt und gesungen, damals für das Tanztheater „Menschenmaterial“ von Kütings Frau Heike Laws. „Da war schon klar, dass meine Stimme in Kombination mit Klaus’ genialer musikalischer Bearbeitung eher prädestiniert ist für die dunklen Töne als...“, Sika zögert kurz, „Ich sag es mal so: Mehr Schatten als Licht“.

Viele Jahre lang standen die beiden gemeinsam auf der Bühne, bis sie es aufgrund des hohen Aufwands irgendwann sein ließen. Die Freundschaft der beiden blieb trotzdem bestehen, und so ist Sika sogar Patenonkel von Kütings beiden Kindern Vivianne und Leon geworden. Heute sagt der Zahnarzt über seinen langjährigen guten Freund: „Das Tolle an Klaus ist, dass er immer ein großes Kind geblieben ist. Das lockert unheimlich auf. Ich bin der, der immer plant. Der Klaus ist einfach verrückt. Wir sind immer auf derselben Wellenlänge und müssen nicht viel rumdiskutieren, sondern wir sind sehr schnell an einem Punkt, wo wir sagen: Ja, so machen wir das.“

Klaus Küting...

... hat im Gegensatz zu Sika sein Hobby zum Beruf gemacht und ist heute Musikschullehrer in Böblingen. Aufgewachsen ist er jedoch in Sindelfingen in einem musischen Elternhaus und spielt mittlerweile Cello, Klavier und Schlagzeug. Wobei Schlagzeug in seinem Fall mehr bedeutet als nur das Drum-Set: Rund 200 Percussion-Instrumente hat Küting zuhause. Er lacht: „Wenn ich den Gegenwert berechne, könnte ich mir davon bestimmt einen Porsche kaufen.“

Genauso wie Küting selbst musikalisch erzogen wurde, so hat auch er seine Leidenschaft an seine beiden Kinder weitergegeben: „Von Geburt an. Abends habe ich ihnen Kinderlieder zum Schlafen gesungen. Als sie drei oder vier waren, musste ich immer am Klavier singen und spielen, und die Kinder waren oben im Bett, alle Türen waren offen. Sonst wollten sie nicht einschlafen. Oder Marimbaphon gespielt, da sind sie sofort eingeschlafen.“

Doch er ergänzt grinsend: „Jetzt sind sie in der Pubertät, jetzt darf man keinen Ton mehr spielen, sonst stört das und sie können nicht einschlafen.“

Dieselbe Begeisterung für die Musik haben die beiden trotzdem genauso entwickelt wie ihr Vater und ihre Mutter, die Tänzerin ist. Seinen Sohn Leon hat Küting lange Zeit in Schlagzeug unterrichtet. Seine Tochter Vivianne singt lieber und wird im Biennale-Sommer 2017 beim Musical in der Hauptrolle auf der Bühne stehen. Darauf freut der Musikschullehrer sich am meisten: „Das macht einen Vater auch stolz in gewisser Weise.“

Bei der Biennale 2015 saß Küting nur im Publikum und konnte gar nicht selbst auftreten. Beim Windsurfen hatte er sich den Arm ausgekugelt. Heute nimmt er es allerdings mit Humor und meint: „Ich hatte noch nie so viel Zeit, um so viele Veranstaltungen anzuschauen wie bei der Biennale 2015.“

Sein persönliches Highlight war das Tanztheater von Monika Heber-Knoblochs Tanzgruppe ANDAS. Bei der diesjährigen Biennale wird er da sogar dabei sein und die Tänzerinnen gemeinsam mit Jogi Nestel musikalisch begleiten.

Dass Klaus Küting und Ingo Sika nach einer langen Pause wieder gemeinsam auftreten, haben sie dem ehemaligen Leiter der Sindelfinger Galerie, Otto Pannewitz, zu verdanken: „Bei ihm waren wir vor 14 Jahren schon mal zu Gast, und er hat sich das Programm in seinem Abschlussjahr nochmal gewünscht.“

Daraufhin sind die beiden im Herbst 2016 wieder gemeinsam aufgetreten. Auf die Biennale freuen sie sich schon: „Jetzt haben wir schon wieder Blut geleckt“, sagt Sika, „Das Programm macht unheimlich Spaß und ich freue mich, das bei der Biennale wieder zu spielen.“

Text: Leonie Rothacker; Video: Marc Hugger; Bilder: Marc Hugger/privat